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Ratgeber

Cannabis bei Multipler Sklerose: Studienlage, Spastik und Therapieoptionen

Von Redaktion Cannabis Deal 24 Aktualisiert: 8 Min. Lesezeit Experten
Cannabis bei Multipler Sklerose: Studienlage, Spastik und Therapieoptionen

Kurz & Knapp

Cannabis-basierte Praeparate -- insbesondere das THC/CBD-Spray Nabiximols -- sind in Deutschland zur Behandlung mittelschwerer bis schwerer Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen, wenn andere Therapien nicht ausreichend wirken. Studien zeigen eine moderate Reduktion der Spastik-Symptome. Die Verordnung erfolgt durch eine Aerztin oder einen Arzt nach individueller Pruefung. Keine medizinische Beratung.

Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung.

Die wichtigsten Fakten:

  • Indikation: Mittelschwere bis schwere Spastik bei MS, wenn Standardtherapien nicht ausreichen
  • Zugelassenes Praeparat: Nabiximols (Sativex) -- Sublingual-Spray mit THC und CBD im Verhaeltnis 1:1
  • Studienevidenz: Meta-Analyse 2025 mit 9 RCTs und 2.544 Patienten zeigt klinisch relevante Spastik-Verbesserung
  • Off-Label-Optionen: Cannabis-Blueten und THC-haltige Extrakte koennen seit dem KCanG einfacher verordnet werden
  • Kostenuebernahme: GKV-Erstattung moeglich nach SGB V Paragraph 31 Absatz 6 bei schwerwiegender Erkrankung
  • Wirkmechanismus: Modulation des Endocannabinoid-Systems im zentralen Nervensystem

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Cannabis bei Multipler Sklerose: Studienlage, Spastik und Therapieoptionen

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Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzuendliche Erkrankung des zentralen Nervensystems mit rund 250.000 Betroffenen in Deutschland. Spastik, Schmerzen und Schlafstoerungen gehoeren zu den belastendsten Symptomen. Cannabis-basierte Praeparate werden seit Jahren als Zusatztherapie untersucht. Dieser Beitrag fasst den aktuellen Stand der Forschung neutral zusammen und zeigt, wie der Weg zu einer aerztlichen Verordnung aussieht.

Wichtig: Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Eine Cannabistherapie bei MS gehoert in die Hand einer Aerztin oder eines Arztes. Die genannten Studien stellen keine medizinische Empfehlung dar.


Was passiert bei Multipler Sklerose im Koerper?

MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Die gestoerte Reizweiterleitung loest die typischen Symptome aus: Spastik, Sehstoerungen, Fatigue, Blasenstoerungen und Schmerzen. Der Krankheitsverlauf ist individuell sehr unterschiedlich -- von schubfoermig-remittierend bis primaer progredient.

Das Endocannabinoid-System (ECS) ist im gesamten zentralen Nervensystem aktiv. Es reguliert unter anderem Schmerzweiterleitung, Muskeltonus und Entzuendungsprozesse. Genau hier setzen Cannabis-basierte Praeparate an: THC und CBD beeinflussen ueber die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 zentrale Funktionen, die bei MS gestoert sind.

Schematische Darstellung des Endocannabinoid-Systems im zentralen Nervensystem


Was sagen die Studien zu Cannabis bei MS?

Die Studienlage zur Cannabis-Therapie bei MS ist im Vergleich zu anderen Indikationen vergleichsweise robust. Zentral sind dabei folgende Untersuchungen:

Spastik: Die staerkste Evidenz

  • Collin et al. (2010): RCT mit 337 MS-Patientinnen und -Patienten. Nabiximols war signifikant ueberlegen bei der Reduktion der Spastik-Symptome [Collin et al., 2010].
  • Novotna et al. (2011): RCT mit 241 Teilnehmenden. Spastik-Reduktion 29,4 Prozent unter Nabiximols vs. 15,7 Prozent unter Placebo [Novotna et al., 2011].
  • Torres-Moreno et al. (2018): Systematische Review. Moderate Evidenz fuer eine Spastik-Verbesserung durch Nabiximols [Torres-Moreno et al., 2018].
  • Akbari et al. (2025): Aktuelle Meta-Analyse mit 9 RCTs und 2.544 MS-Patientinnen und -Patienten. Cannabis war signifikant mit einer klinisch relevanten Spastik-Verbesserung assoziiert [Akbari et al., 2025].

Begleitsymptome: Hinweise, aber duenne Datenlage

Bei MS-bedingten Schmerzen, Schlafstoerungen und Fatigue gibt es Hinweise auf eine positive Wirkung, die Datenlage ist jedoch deutlich duenner als bei der Spastik. Eine Meta-Analyse zur allgemeinen Wirkung von Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen mit ueber 7.000 Teilnehmenden zeigte eine signifikante Ueberlegenheit gegenueber Placebo, allerdings ueber verschiedene Indikationen hinweg [Montero-Oleas et al., 2023].

Die Wirkung ist individuell sehr unterschiedlich. Nicht alle Patientinnen und Patienten profitieren gleichermassen. Die Eignung pruefen ausschliesslich Aerztinnen und Aerzte nach sorgfaeltiger Anamnese.


Welche Cannabis-Praeparate kommen bei MS infrage?

Praeparat Form Zulassungsstatus DE Typische Indikation bei MS
Nabiximols (Sativex) Sublingual-Spray, THC:CBD 1:1 Zugelassen seit 2011 Mittelschwere bis schwere Spastik
Cannabis-Blueten Inhalation (Vaporizer) Verkehrsfaehig nach KCanG Off-Label, individuelle Indikation
THC-Extrakte (Dronabinol) Tropfen, oeloesliche Loesung Rezepturarzneimittel Off-Label bei Spastik, Schmerzen
CBD-Vollspektrum-Extrakte Tropfen, Kapseln Apothekenpflichtig Adjuvant bei Begleitsymptomen

Nabiximols ist das einzige speziell fuer MS-Spastik zugelassene Cannabis-Praeparat. Andere Praeparate werden im Off-Label-Use eingesetzt, wenn die behandelnde Aerztin oder der behandelnde Arzt dies medizinisch begruendet.

Vergleichsuebersicht Nabiximols, Cannabis-Blueten und Dronabinol


Wie wird Cannabis bei MS verordnet?

Seit dem Konsumcannabisgesetz (KCanG) im April 2024 ist die Verordnung von Cannabis erheblich vereinfacht. Cannabis ist kein Betaeubungsmittel mehr -- ein regulaeres Privatrezept oder E-Rezept reicht aus, das drei Monate gueltig ist.

Der typische Weg sieht so aus:

  1. Diagnose und Vortherapien dokumentieren: Befunde der Neurologin oder des Neurologen, bisherige Therapien (z.B. Baclofen, Tizanidin) und deren Wirksamkeit.
  2. Aerztliches Gespraech: Eine approbierte Aerztin oder ein approbierter Arzt prueft die Eignung. Seit dem KCanG ist auch eine Erstverordnung per Telemedizin grundsaetzlich moeglich.
  3. Rezept und Apothekenabgabe: Bei Eignung wird ein Privat- oder E-Rezept ausgestellt, das in jeder deutschen Apotheke einloesbar ist.
  4. Einstellung und Begleitung: In den ersten Wochen wird die Dosis langsam angepasst. Nebenwirkungen und Wirksamkeit werden dokumentiert.

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Kostenuebernahme: Was zahlt die Krankenkasse?

Eine Erstattung durch die gesetzliche Krankenkasse (GKV) ist nach Paragraph 31 Absatz 6 SGB V grundsaetzlich moeglich -- aber kein Automatismus. Die Voraussetzungen sind:

  • Schwerwiegende Erkrankung: MS erfuellt diese Voraussetzung in der Regel.
  • Standardtherapien ausgeschoepft: Andere Spastik-Medikamente wurden versucht und waren nicht ausreichend wirksam oder nicht vertraeglich.
  • Aussicht auf Wirksamkeit: Eine medizinisch begruendbare Erfolgsaussicht muss bestehen.

Die Kasse muss innerhalb von drei Wochen entscheiden (bei Einschaltung des Medizinischen Dienstes innerhalb von fuenf Wochen). Historisch lag die Ablehnungsquote bei rund 30 bis 40 Prozent, die aktuelle Quote ist nach dem KCanG noch nicht abschliessend ausgewertet.

Auf dem Selbstzahlerweg ueber eine telemedizinische Online-Beratung wie Docto24{rel="nofollow sponsored"} entfaellt das Genehmigungsverfahren. Konsultationsgebuehren liegen typischerweise ab 49 Euro, hinzu kommen die Apothekenkosten von ca. 10,50 Euro bis ca. 14,00 Euro pro Gramm.


Nebenwirkungen und Wechselwirkungen

Cannabis-basierte Praeparate sind keine harmlosen Substanzen. Bekannte Nebenwirkungen umfassen:

  • Muedigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit
  • Beeintraechtigung der Konzentration und Reaktionsfaehigkeit
  • Stimmungsveraenderungen, in seltenen Faellen psychotische Symptome
  • Kreislaufbeschwerden, Erhoehung der Herzfrequenz

THC und CBD beeinflussen die CYP450-Enzyme der Leber und koennen daher mit zahlreichen Medikamenten interagieren -- darunter Antiepileptika, Blutverduenner wie Warfarin und Immunsuppressiva [Ho et al., 2024]. Geben Sie deshalb alle bestehenden Medikamente bei der aerztlichen Beratung an.

Autofahren: Unter Cannabis-Therapie gilt der THC-Grenzwert im Strassenverkehr von 3,5 Nanogramm pro Milliliter Blutserum. Patientinnen und Patienten mit Cannabis-Rezept sind bei korrekter Einnahme vom Cannabisverbot ausgenommen, muessen aber fahrtuechtig sein.


Häufig gestellte Fragen

Ja. Seit dem KCanG im April 2024 kann jede approbierte Aerztin und jeder approbierte Arzt Cannabis-Praeparate verschreiben. Nabiximols (Sativex) ist speziell fuer mittelschwere bis schwere Spastik bei MS zugelassen, andere Praeparate koennen im Off-Label-Use verordnet werden, wenn medizinisch begruendet.

Wie schnell wirkt Cannabis bei MS-Spastik?

Die Wirkung tritt individuell unterschiedlich ein. Bei sublingual angewendetem Nabiximols berichten viele Patientinnen und Patienten von ersten Effekten innerhalb von 30 bis 60 Minuten. Die volle Wirksamkeit wird in der Regel nach einer ein- bis vierwoechigen Einstellungsphase mit angepasster Dosis erreicht.

Uebernimmt die Krankenkasse Cannabis bei MS?

Eine Kostenuebernahme durch die GKV ist nach SGB V Paragraph 31 Absatz 6 moeglich, wenn MS als schwerwiegende Erkrankung vorliegt, Standardtherapien ausgeschoepft sind und eine Aussicht auf Wirksamkeit besteht. Die Kasse entscheidet innerhalb von drei Wochen. Eine private Krankenversicherung kann je nach Tarif erstatten.

Welches Cannabis-Praeparat ist bei MS am besten untersucht?

Nabiximols (Markenname Sativex) ist das am besten untersuchte Praeparat. Es enthaelt THC und CBD im Verhaeltnis 1:1 und wird sublingual angewendet. Mehrere RCTs und Meta-Analysen belegen eine moderate Reduktion der Spastik-Symptome.

Kann ich ueber Telemedizin ein Cannabis-Rezept bei MS bekommen?

Grundsaetzlich ja. Seit dem KCanG ist auch eine Erstverordnung per Telemedizin moeglich. Die behandelnde Aerztin oder der behandelnde Arzt prueft Ihre medizinische Vorgeschichte und entscheidet individuell. Bei komplexen Verlaeufen kann eine zusaetzliche neurologische Vorstellung sinnvoll sein.

Beeintraechtigt Cannabis die Fahrtauglichkeit bei MS?

Ja, das kann sein. Muedigkeit, Schwindel und Konzentrationsstoerungen sind typische Nebenwirkungen. In der Einstellungsphase sollten Sie nicht aktiv am Strassenverkehr teilnehmen. Patientinnen und Patienten mit Cannabis-Rezept sind bei korrekter Einnahme vom THC-Grenzwert ausgenommen, muessen aber fahrtuechtig sein.


Weiterlesen


Quellen

  1. Collin, C. et al. (2010). A double-blind, randomized, placebo-controlled, parallel-group study of Sativex, in subjects with symptoms of spasticity due to multiple sclerosis. European Journal of Neurology. PubMed
  2. Novotna, A. et al. (2011). A randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, enriched-design study of nabiximols (Sativex) in subjects with refractory spasticity caused by multiple sclerosis. European Journal of Neurology. PubMed
  3. Torres-Moreno, M. C. et al. (2018). Assessment of efficacy and tolerability of medicinal cannabinoids in patients with multiple sclerosis. Neuroscience. PubMed
  4. Akbari, F. et al. (2025). Effects of medical cannabis on spasticity in multiple sclerosis: A systematic review and meta-analysis. Clinical Therapeutics. PubMed
  5. Montero-Oleas, N. et al. (2023). Therapeutic use of cannabis and cannabinoids: an evidence mapping and appraisal of systematic reviews. PLOS ONE. PLOS ONE
  6. Ho, K. et al. (2024). Cannabis drug interactions: A systematic review. Clinical and Translational Science. PMC
  7. KCanG (Konsumcannabisgesetz): BGBl. 2024 I Nr. 109
  8. SGB V Paragraph 31 Abs. 6: gesetze-im-internet.de

Wichtig: Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Aerztin, einen Arzt oder eine Apothekerin. Die beschriebenen Wirkungen koennen individuell variieren. Die genannten Studien stellen keine medizinische Beratung dar.

Letzte Aktualisierung: 2026-05-05

RC
Redaktion Cannabis Deal 24

Autor bei Cannabis News 24. Alle Inhalte werden redaktionell geprüft und basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

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