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Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzuendliche Erkrankung des zentralen Nervensystems mit rund 250.000 Betroffenen in Deutschland. Spastik, Schmerzen und Schlafstoerungen gehoeren zu den belastendsten Symptomen. Cannabis-basierte Praeparate werden seit Jahren als Zusatztherapie untersucht. Dieser Beitrag fasst den aktuellen Stand der Forschung neutral zusammen und zeigt, wie der Weg zu einer aerztlichen Verordnung aussieht.
Wichtig: Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Eine Cannabistherapie bei MS gehoert in die Hand einer Aerztin oder eines Arztes. Die genannten Studien stellen keine medizinische Empfehlung dar.
Was passiert bei Multipler Sklerose im Koerper?
MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Die gestoerte Reizweiterleitung loest die typischen Symptome aus: Spastik, Sehstoerungen, Fatigue, Blasenstoerungen und Schmerzen. Der Krankheitsverlauf ist individuell sehr unterschiedlich -- von schubfoermig-remittierend bis primaer progredient.
Das Endocannabinoid-System (ECS) ist im gesamten zentralen Nervensystem aktiv. Es reguliert unter anderem Schmerzweiterleitung, Muskeltonus und Entzuendungsprozesse. Genau hier setzen Cannabis-basierte Praeparate an: THC und CBD beeinflussen ueber die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 zentrale Funktionen, die bei MS gestoert sind.

Was sagen die Studien zu Cannabis bei MS?
Die Studienlage zur Cannabis-Therapie bei MS ist im Vergleich zu anderen Indikationen vergleichsweise robust. Zentral sind dabei folgende Untersuchungen:
Spastik: Die staerkste Evidenz
- Collin et al. (2010): RCT mit 337 MS-Patientinnen und -Patienten. Nabiximols war signifikant ueberlegen bei der Reduktion der Spastik-Symptome [Collin et al., 2010].
- Novotna et al. (2011): RCT mit 241 Teilnehmenden. Spastik-Reduktion 29,4 Prozent unter Nabiximols vs. 15,7 Prozent unter Placebo [Novotna et al., 2011].
- Torres-Moreno et al. (2018): Systematische Review. Moderate Evidenz fuer eine Spastik-Verbesserung durch Nabiximols [Torres-Moreno et al., 2018].
- Akbari et al. (2025): Aktuelle Meta-Analyse mit 9 RCTs und 2.544 MS-Patientinnen und -Patienten. Cannabis war signifikant mit einer klinisch relevanten Spastik-Verbesserung assoziiert [Akbari et al., 2025].
Begleitsymptome: Hinweise, aber duenne Datenlage
Bei MS-bedingten Schmerzen, Schlafstoerungen und Fatigue gibt es Hinweise auf eine positive Wirkung, die Datenlage ist jedoch deutlich duenner als bei der Spastik. Eine Meta-Analyse zur allgemeinen Wirkung von Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen mit ueber 7.000 Teilnehmenden zeigte eine signifikante Ueberlegenheit gegenueber Placebo, allerdings ueber verschiedene Indikationen hinweg [Montero-Oleas et al., 2023].
Die Wirkung ist individuell sehr unterschiedlich. Nicht alle Patientinnen und Patienten profitieren gleichermassen. Die Eignung pruefen ausschliesslich Aerztinnen und Aerzte nach sorgfaeltiger Anamnese.
Welche Cannabis-Praeparate kommen bei MS infrage?
| Praeparat | Form | Zulassungsstatus DE | Typische Indikation bei MS |
|---|---|---|---|
| Nabiximols (Sativex) | Sublingual-Spray, THC:CBD 1:1 | Zugelassen seit 2011 | Mittelschwere bis schwere Spastik |
| Cannabis-Blueten | Inhalation (Vaporizer) | Verkehrsfaehig nach KCanG | Off-Label, individuelle Indikation |
| THC-Extrakte (Dronabinol) | Tropfen, oeloesliche Loesung | Rezepturarzneimittel | Off-Label bei Spastik, Schmerzen |
| CBD-Vollspektrum-Extrakte | Tropfen, Kapseln | Apothekenpflichtig | Adjuvant bei Begleitsymptomen |
Nabiximols ist das einzige speziell fuer MS-Spastik zugelassene Cannabis-Praeparat. Andere Praeparate werden im Off-Label-Use eingesetzt, wenn die behandelnde Aerztin oder der behandelnde Arzt dies medizinisch begruendet.

Wie wird Cannabis bei MS verordnet?
Seit dem Konsumcannabisgesetz (KCanG) im April 2024 ist die Verordnung von Cannabis erheblich vereinfacht. Cannabis ist kein Betaeubungsmittel mehr -- ein regulaeres Privatrezept oder E-Rezept reicht aus, das drei Monate gueltig ist.
Der typische Weg sieht so aus:
- Diagnose und Vortherapien dokumentieren: Befunde der Neurologin oder des Neurologen, bisherige Therapien (z.B. Baclofen, Tizanidin) und deren Wirksamkeit.
- Aerztliches Gespraech: Eine approbierte Aerztin oder ein approbierter Arzt prueft die Eignung. Seit dem KCanG ist auch eine Erstverordnung per Telemedizin grundsaetzlich moeglich.
- Rezept und Apothekenabgabe: Bei Eignung wird ein Privat- oder E-Rezept ausgestellt, das in jeder deutschen Apotheke einloesbar ist.
- Einstellung und Begleitung: In den ersten Wochen wird die Dosis langsam angepasst. Nebenwirkungen und Wirksamkeit werden dokumentiert.
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Kostenuebernahme: Was zahlt die Krankenkasse?
Eine Erstattung durch die gesetzliche Krankenkasse (GKV) ist nach Paragraph 31 Absatz 6 SGB V grundsaetzlich moeglich -- aber kein Automatismus. Die Voraussetzungen sind:
- Schwerwiegende Erkrankung: MS erfuellt diese Voraussetzung in der Regel.
- Standardtherapien ausgeschoepft: Andere Spastik-Medikamente wurden versucht und waren nicht ausreichend wirksam oder nicht vertraeglich.
- Aussicht auf Wirksamkeit: Eine medizinisch begruendbare Erfolgsaussicht muss bestehen.
Die Kasse muss innerhalb von drei Wochen entscheiden (bei Einschaltung des Medizinischen Dienstes innerhalb von fuenf Wochen). Historisch lag die Ablehnungsquote bei rund 30 bis 40 Prozent, die aktuelle Quote ist nach dem KCanG noch nicht abschliessend ausgewertet.
Auf dem Selbstzahlerweg ueber eine telemedizinische Online-Beratung wie Docto24{rel="nofollow sponsored"} entfaellt das Genehmigungsverfahren. Konsultationsgebuehren liegen typischerweise ab 49 Euro, hinzu kommen die Apothekenkosten von ca. 10,50 Euro bis ca. 14,00 Euro pro Gramm.
Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
Cannabis-basierte Praeparate sind keine harmlosen Substanzen. Bekannte Nebenwirkungen umfassen:
- Muedigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit
- Beeintraechtigung der Konzentration und Reaktionsfaehigkeit
- Stimmungsveraenderungen, in seltenen Faellen psychotische Symptome
- Kreislaufbeschwerden, Erhoehung der Herzfrequenz
THC und CBD beeinflussen die CYP450-Enzyme der Leber und koennen daher mit zahlreichen Medikamenten interagieren -- darunter Antiepileptika, Blutverduenner wie Warfarin und Immunsuppressiva [Ho et al., 2024]. Geben Sie deshalb alle bestehenden Medikamente bei der aerztlichen Beratung an.
Autofahren: Unter Cannabis-Therapie gilt der THC-Grenzwert im Strassenverkehr von 3,5 Nanogramm pro Milliliter Blutserum. Patientinnen und Patienten mit Cannabis-Rezept sind bei korrekter Einnahme vom Cannabisverbot ausgenommen, muessen aber fahrtuechtig sein.
Häufig gestellte Fragen
Ist Cannabis bei Multipler Sklerose in Deutschland legal verschreibbar?
Ja. Seit dem Inkrafttreten des KCanG im April 2024 kann grundsätzlich jede approbierte Ärztin und jeder approbierte Arzt Cannabis-Präparate verschreiben, sofern es medizinisch begründet ist. Speziell für mittelschwere bis schwere Spastik bei Multipler Sklerose ist das Präparat Nabiximols (Markenname Sativex) arzneimittelrechtlich zugelassen, wenn andere Mittel nicht ausreichend gewirkt haben. Andere Cannabis-Präparate können bei MS im Off-Label-Use verordnet werden, wenn dies im Einzelfall medizinisch sinnvoll erscheint. Ob und welche Therapie infrage kommt, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nach individueller Prüfung. Keine medizinische Beratung.
Wie schnell wirkt Cannabis bei MS-Spastik?
Der Wirkungseintritt ist individuell unterschiedlich und hängt von Präparat und Anwendung ab. Bei dem sublingual (unter die Zunge) angewendeten Nabiximols berichten viele Patientinnen und Patienten von ersten spürbaren Effekten innerhalb von etwa 30 bis 60 Minuten. Die volle Wirksamkeit auf die Spastik stellt sich jedoch meist erst nach einer Einstellungsphase von rund ein bis vier Wochen ein, in der die Dosis schrittweise individuell angepasst (titriert) wird. Wie stark die Wirkung ausfällt, ist von Person zu Person verschieden. Die Einstellung der Therapie sollte ärztlich begleitet werden. Keine medizinische Beratung.
Uebernimmt die Krankenkasse Cannabis bei MS?
Eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist nach § 31 Absatz 6 SGB V möglich, wenn eine schwerwiegende Erkrankung wie eine fortgeschrittene MS vorliegt, die anerkannten Standardtherapien ausgeschöpft sind oder nicht infrage kommen und eine begründete Aussicht auf einen Behandlungserfolg besteht. Die Krankenkasse muss über einen entsprechenden Antrag in der Regel innerhalb von drei Wochen entscheiden. Wird der Antrag genehmigt, übernimmt die Kasse die Kosten der verordneten Therapie. Bei einer privaten Krankenversicherung hängt die Erstattung vom jeweiligen Tarif ab. Die Antragstellung erfolgt über die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt. Keine medizinische Beratung.
Welches Cannabis-Praeparat ist bei MS am besten untersucht?
Das bei Multipler Sklerose am besten untersuchte Cannabis-Präparat ist Nabiximols mit dem Markennamen Sativex. Es enthält die beiden Hauptcannabinoide THC und CBD in einem etwa ausgewogenen Verhältnis von 1:1 und wird als Spray sublingual, also unter die Zunge, angewendet. Mehrere randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) und zusammenfassende Meta-Analysen weisen auf eine moderate Verringerung der MS-bedingten Spastik-Symptome hin, weshalb es für genau diese Indikation zugelassen ist. „Am besten untersucht“ bedeutet dabei nicht „bei jedem wirksam“ – das Ansprechen ist individuell verschieden. Über die Eignung im Einzelfall entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Keine medizinische Beratung.
Kann ich ueber Telemedizin ein Cannabis-Rezept bei MS bekommen?
Grundsätzlich ja. Seit dem KCanG ist auch eine Erstverordnung von Cannabis per Telemedizin grundsätzlich möglich, sodass der Erstkontakt nicht zwingend in einer Praxis vor Ort stattfinden muss. Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt prüft dabei die medizinische Vorgeschichte, die Diagnose und mögliche Gegenanzeigen und entscheidet individuell über eine Verordnung – ein automatischer Anspruch besteht nicht. Gerade bei komplexen MS-Verläufen kann zusätzlich eine neurologische Vorstellung vor Ort sinnvoll oder erforderlich sein. Seriöse Anbieter nehmen sich Zeit für eine sorgfältige Anamnese statt einer pauschalen Ausstellung. Keine medizinische Beratung.
Beeintraechtigt Cannabis die Fahrtauglichkeit bei MS?
Ja, das ist möglich. Zu den typischen Nebenwirkungen einer Cannabis-Therapie zählen Müdigkeit, Schwindel und Konzentrationsstörungen, die die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen können – gerade in Kombination mit MS-bedingten Symptomen. Besonders in der Einstellungsphase, in der die Dosis angepasst wird, sollte daher nicht aktiv am Straßenverkehr teilgenommen werden. Patientinnen und Patienten mit einem ärztlichen Cannabis-Rezept sind bei bestimmungsgemäßer Einnahme zwar von der starren Anwendung des THC-Grenzwerts ausgenommen, müssen aber dennoch tatsächlich fahrtüchtig sein. Wer sich beeinträchtigt fühlt, sollte unabhängig von Grenzwerten nicht fahren. Die Fahreignung sollte ärztlich eingeschätzt werden. Keine medizinische Beratung.
Weiterlesen
- Medizinisches Cannabis erklaert -- Der umfassende Ueberblick zum Thema
- Cannabis-Indikationen -- Welche Erkrankungen werden untersucht?
- Cannabis-Rezept Voraussetzungen -- Wer bekommt ein Rezept?
- Cannabis und Fuehrerschein -- THC-Grenzwert und Patientenausnahmen
- Endocannabinoid-System erklaert -- Wie Cannabinoide im Koerper wirken
Quellen
- Collin, C. et al. (2010). A double-blind, randomized, placebo-controlled, parallel-group study of Sativex, in subjects with symptoms of spasticity due to multiple sclerosis. European Journal of Neurology. PubMed
- Novotna, A. et al. (2011). A randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, enriched-design study of nabiximols (Sativex) in subjects with refractory spasticity caused by multiple sclerosis. European Journal of Neurology. PubMed
- Torres-Moreno, M. C. et al. (2018). Assessment of efficacy and tolerability of medicinal cannabinoids in patients with multiple sclerosis. Neuroscience. PubMed
- Akbari, F. et al. (2025). Effects of medical cannabis on spasticity in multiple sclerosis: A systematic review and meta-analysis. Clinical Therapeutics. PubMed
- Montero-Oleas, N. et al. (2023). Therapeutic use of cannabis and cannabinoids: an evidence mapping and appraisal of systematic reviews. PLOS ONE. PLOS ONE
- Ho, K. et al. (2024). Cannabis drug interactions: A systematic review. Clinical and Translational Science. PMC
- KCanG (Konsumcannabisgesetz): BGBl. 2024 I Nr. 109
- SGB V Paragraph 31 Abs. 6: gesetze-im-internet.de
Wichtig: Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Aerztin, einen Arzt oder eine Apothekerin. Die beschriebenen Wirkungen koennen individuell variieren. Die genannten Studien stellen keine medizinische Beratung dar.
Letzte Aktualisierung: 2026-05-05